Montag, 1. Oktober 2012

Großer Andrang beim japanischen Sommernachtsspaziergang

Proppevoll war am achten September der stimmungsvoll beleuchtete japanische Garten von Planten un Blomen, als sich eine multimediale Kunst-Aktion wie von selbst zu einem künstlerisch gestalteten japanischen Sommerfest verwandelte, mit dem der Hamburger Sommer wohl bedauerlicherweise ausklingen wollte. 


In einer letzten lauen Sommernacht genossen hunderte von Besuchern aller Altersklassen von Anfang bis Ende nicht nur die beeindruckend ausgefeilte Video-Licht- und Soundanimation der Szenografin Yukijung, die auf immer wieder überraschende Weise Japan nach Hamburg holte und dem Publikum neben viel japanischer Symbolik den Wandel der Jahreszeiten vor Augen führte - stets perfekt abgestimmt auf den Ort der Installation. Wie von Zauberhand verwandelte sich so das Teehaus immer wieder aufs Neue - schien einmal zu schweben, mal verwandelte es sich sogar in Japans heiligen Berg. 

Auch das Beiprogramm zu dieser Videoinstallation gab sich alle Mühe, zum Verweilen einzuladen. Neben leckerem vegetarischem Sushi und Getränken gab es zunächst bis zum Einbruch der Dunkelheit eine Lesung der schönsten japanischen Märchen und Samurai-Geschichten mit den Japanfreunden Hamburg zu hören - die ungewöhnlicher Weise spontan "open air" gehalten wurde aufgrund der unerwartet großen Besucherzahl. Ein wenig mehr konnten die Besucher traditionelle japanische Kultur darüber hinaus kennen lernen, indem sie sich im ebenfalls stimmungsvoll geschmückten Teehaus informierten und einfach den leckeren Tee genossen.



 Noch vor dem multimedialen "Haupt-Akt" von Yukijung bekamen die Besucher einen besonderen künstlerischen Leckerbissen geboten. Julian Schäfer spielte als Einleitung zur Videoprojektion auf der Shakuhachi ein wirklich besonderes Konzert. Begleitet von Joachim Kamps auf dem Piano boten die beiden ein kongeniales Team, das "east meets west" in eine beeindruckende Dimension hob. Ausgehend von sehr traditionellen japanischen Klängen, wie sie in mittelalterlicher Zen-Musik und traditionellen japanischen Liedern zu finden sind, reizte Julian Schäfer die Grenzen seines Instruments immer wieder aus und schlug virtuos wie scheinbar ganz selbstverständlich den Bogen zu modernen Jazz-Improvisationen. Wenngleich auf vornehme Weise eher im Hintergrund begleitend, verblüffte Joachim Kamps am Piano dennoch erheblich mit einem selten zu hörenden Einfühlungsvermögen und sorgte wie auch bei seinem eigenen Duo "Hartmann und Kamps" für eine enorme emotionale Durchschlagskraft der gesamten Musik. Dass die zwei Welten, die sich hier musikalisch begegneten, sich so harmonisch vereinen, ein anderes mal aber auch genauso in sich stimmig unterscheiden und reiben können, war ein besonderes Erlebnis, das wirklich häufiger zu hören sein sollte. 


Die schönste Stadt der Welt zeigte sich mit diesem kleinen abendlichen Festival großzügig und von ihrer besten Seite, selbst die Wettergötter hatten ein Einsehen und so bleibt nur noch zu hoffen, dass der japanische Sommernachtsspaziergang im kommenden Jahr noch einmal zu genießen sein wird.

                      

Und weil die beteiligten Künstler auch sonst noch viele interessante Projekte zu bieten haben, hier abschließend ein paar links:



Sonntag, 16. September 2012

Auf nach Berlin!

+++ UNSERE BESONDERE EMPFEHLUNG +++


Der Architekt, Autor und Maler Kyohei Sakaguchi präsentiert im Rahmen des Festivals "Foreign Affairs" der Berliner Festspiele unter dem Titel "Zero Public - Practice for Revolution" von ihm so genannte "Zero-Yen-Häuser", die in der Tat als revolutionär gelten können. 

Inspiriert von dem "mobilen Lebensstil" und den Überlebensstrategien der Obdachlosen in japanischen Großstädten stellt der Architekt, Autor und Maler kritische Fragen nach unserem Konsumverhalten und unseren gängigen Definitionen von Wohnräumen und öffentlichen Räumen. Seine Wohnkonstruktionen kosten kaum etwas, weil sie aus lauter Materialien bestehen, die andere wegschmeißen: Bauabfälle, ausgediente Autobatterien, Solarzellen und aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt können seine Bauten jederzeit schnell ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. 

Geschickt nutzt er dabei eine Lücke im japanischen Baurecht, um fahrbahre "Wohneinheiten" auf brachliegendem Gelände oder auf öffentlichen Plätzen aufzustellen, denn eine Struktur auf Rädern gilt in Japan formaljuristisch nicht als als Wohnung. Kyohei Sakaguchi deutet so das Konzept von Privateigentum auf innovative Weise um und zielt dabei auf eine neuartige Öffnung unseres gemeinsamen Lebensraumes ab. 

Für die Ausstellung "Foreign Affairs" der Berliner Festspiele errichtet er nun ein solches mobiles Haus auf Rädern direkt vor dem Haus der Berliner Festspiele, das aus einer fünfteiligen Wohneinheit besteht. Und jetzt kommt der Clou: Der Komponist Marino Formenti wird darin drei Wochen lang in einem "Selbstversuch" leben und Klavier spielen, während das Publikum kommen, gehen oder auch bleiben kann, wann und so lange es möchte! 

Im Oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele werden parallel dazu eine Auswahl von Entwürfen, Bildern, Videos und Texten Sakaguchis gezeigt sowie weitere Hintergrundinformationen zum Projekt "Mobile House" gegeben.  

Am 30. September erhalten die Besucher dann Gelegenheit zu einem Künstlergespräch (alle Termine auch in unserem Veranstaltungskalender).


Und hier die Daten: 

Freitag, 28. September - 20. Oktober, 11.00-23.00 Uhr
Ausstellung "Zero Public - Practice for Revolution"
im Rahmen des Festivals "Foreign Affairs" der Berliner Festspiele
Berliner Festspiele
Schaperstraße 24
10719 Berlin

-> Achtung: Die Vernissage findet bereits am Donnerstag 27. September, um 19.00 Uhr statt!

Weitere Informationen: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/programm_fa/programm_fa_gesamt/fa_veranstaltungsdetail_47330.php

 

Sonntag, 2. September 2012

Herzliche Einladung zum japanischen Sommernachtsspaziergang

Ein viel zu kurzer Sommer droht zu Ende zu gehen, aber zu dessen Ausklang sind noch einmal alle Japaninteressierten aus Hamburg und Umgebung herzlich zu einem besonderen Japan-Event eingeladen, das alle Sinne anspricht:



Am 08. September wird ab 20 Uhr im Japanischen Garten von Planten un Blomen rund um das Teehaus ein "Sommernachtsspaziergang" stattfinden, der zunächst mit einer Lesung der schönsten japanischen Märchen und Samurai-Geschichten mit den Japanfreunden Hamburg beginnt.

Danach verwandelt die Szenografin Yukijung das Teehaus mit ihrer Multimedia-Installation zum Thema "Vier Jahreszeiten" in eine Bühne voller zauberhafter, überraschender Effekte.

Eingeleitet wird die Video-, Licht- und Soundanimation von den Musikern Julian Schäfer und Joachim Kamps. Zur Piano-Begleitung von Joachim Kamps wird Julian Schäfer auf der klassischen Shakuhachi die Zuhörer auf eine die halbe Welt umspannende musikalische Rundreise mitnehmen, bei der mittelalterliche Zen-Musik, traditionelle japanische Lieder bis hin zu Jazz-Improvisationen zu hören sein werden.  

Ausklingen wird der Abend mit einer sonst selten zu sehenden und edlen Kyudo-Vorführung. Und wer möchte, kann sich an leckerem grünen Tee und vegetarischem Sushi laben.

Kaum zu glauben, aber der Eintritt ist frei... Die schönste Stadt der Welt zeigt sich großzügig, trotz Krise!

Wir freuen uns auf Euch!

Freitag, 13. April 2012

Neuer Roman von Yoko Ogawa

Literarische Liebeserklärung an die Mathematik  

als Kunst-Religion


Yoko Ogawa hätte der Star des Japan-Tags des jüngsten Harbour Front Literaturfestivals werden sollen (an dem auch die Japanfreunde Hamburg mit einer Lesung teilnahmen) und nachdem die Veranstalter bereits die Zusage erhalten hatten, klappte es dann leider kurzfristig doch nicht. Besonders bedauerlich für Hamburg, denn Ogawa war bereits einmal im Jahr 2003 im Rahmen des Berliner Internationalen Literaturfestivals zu Gast in Deutschland. Sie ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Japans und ihre seit gut zehn Jahren auf Deutsch erschienenen Romane haben ihr auch in Deutschland eine große und treue Fan-Gemeinde eingebracht.

Wie ist also der neue Roman von ihr?

„Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ (Originaltitel „Hakase no Aishita Sushiki“) erschien in Japan bereits 2003, in Deutschland nun vor einer Woche und einem Tag. Wer Ogawas Art zu erzählen mag, der wird auch hier voll auf seine Kosten kommen, das Buch ist vor allem in stilistischer Hinsicht ein für Ogawa sehr typischer Roman, zeigt inhaltlich aber völlig neue Qualitäten, die man von Ogawa in dieser Form so auf Deutsch gar nicht kennt.

Das fängt bereits mit dem Thema an. Mathematik? Naturwissenschaft? Ist das denn interessant? - Nun, für Japaner offenbar schon, denn zweieinhalb Millionen Mal(!) verkaufte sich dort der Roman, bevor er in 16 Sprachen übersetzt wurde.

Das deutsche Publikum tut sich erfahrungsgemäß schwer mit dem crossover von Wissenschaft und Kunst - der grandiose historische Roman über das unfassbar abenteuerliche Leben des (Berliner) Erfinders des Computers, Konrad Zuse, dessen Erlebnisse im Bombenhagel des 2. Weltkriegs den Adrenalinspiegel der Leser unfreiwillig in die Höhe treiben, schaffte es in Deutschland nicht in die Bestseller-Listen, obwohl mancher fiktive Geheimagent im Vergleich zu dieser realen Lebensgeschichte wie ein blasser Langweiler dasteht.


Also Mathematik. Worum geht es? Ein brillanter Mathematikprofessor, ein stilles Genie, das immer wieder die internationale Fachwelt zu überraschen vermag, überlebt einen schweren Verkehrsunfall, hat allerdings Zeit seines restlichen Lebens mit einem höchst ungewöhnlichen Folgeschaden zu leben: Sein Kurzzeitgedächtnis umfasst nur noch achtzig Minuten, danach erinnert er sich an nichts mehr und alles beginnt für ihn von vorn, ähnlich wie die Endlosschleife einer alten Videokassette, die immer wieder neu bespielt wird.

Um in seinem Alltag wenigstens grob zurecht zu kommen, heftet er sich kleine Notiz-Zettel an alle möglichen Stellen seiner Kleidung, die ihn alle achtzig Minuten an die ‚basics‘ seines Lebens erinnern sollen. Diese und ein Arsenal weiterer skurriler Verhaltensweisen lassen die Figur den Lesern äußerst plastisch und lebendig vor Augen treten - und sicherlich in ihr Herz schließen. Der Professor lebt in der Obhut seiner Schwägerin und verschleisst wegen seiner schwer zu ertragenden Eigenheiten eine Haushälterin nach der anderen. Erst mit Haushälterin Nummer 9 und ihrem liebenswerten Sohn wird alles anders.

Ob die beiden wollen oder nicht, sie sind aufgrund der unfreiwilligen Eigenarten des Professor gezwungen, in dessen Welt einzutauchen. Puuh... ein Mathe-Genie... wie soll man das bloss aushalten? Was dann passiert, ist aber vollkommen überraschend.

Mathe ist bei Ogawa nämlich ganz anders, als wir das aus der Schule kennen. Der Professor ist ein ‚echtes‘ Genie, das nicht nur gut rechnen kann, sondern der mit seiner Art der Mathematik stets auf der Suche nach der ‚Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit‘ ist. Ein romantischer Topos? Bei Ogawa ein wenig, durchaus. Denn die Mathematik entpuppt sich bei Ogawas Professor als ein Mittel, im scheinbar schnöden, unspektakulären Lebensalltag neue Bedeutungen zu entdecken, unerkannte Beziehungen zwischen den Menschen, zwischen den Menschen und den Dingen, aber auch zwischen den Menschen, den Dingen und der Natur zu erkennen, oft sogar einen winzig kleinen Einblick in die ewigen Gesetze des Universums und die einer höhren Macht zu erhaschen. Gemeinsam mit Haushälterin Nummer 9 gehen die Leser so auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise, bei der auch die ästhetische Seite der Mathematik immer wieder aufscheint. Die Haushälterin kommt so aus dem Staunen nicht mehr heraus, fängt, im Rahmen ihrer laienhaften Möglichkeiten, sogar selber an, sich für die Wunder der Mathematik zu begeistern.

Wie schafft der Roman das? - Gibt es in dem Roman etwa Zahlen, Formeln, mathematische Grafiken? Haltet euch fest: Ja, die gibt es. Tatsächlich. In einem Roman. Und der Roman ‚funktioniert‘ - man wäre hier geneigt zu schreiben ‚dennoch‘ -, aber genau das stimmt in diesem Fall nicht. Und das macht den Roman angesichts des schwierigen Themas so bemerkenswert. Der Roman funktioniert nicht trotz, sondern gerade mit der Mathematik. Ein bemerkenswerter Aha-Effekt.

Auch wenn mir persönlich als jemanden, für den die Schul-Mathematik ein nicht enden wollendes Horrorspektakel darstellte, in manchen Passagen die Darstellung etwas zu ausführlich erschien, schafft es der Roman dennoch mit viel Liebe und Hingabe an die Sache, selbst solch hoffnungslosen Fällen wie mir die ‚Wunder der Mathematik‘ deutlich zu machen, insbesondere auch, zu welchen oft faszinierenden Erkenntnissen man kommen kann, wenn man versucht, die Welt mit den Augen der Mathematik zu sehen.

Die so wahrnehmbare ‚Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit‘ mit ihren ewigen Gesetzen geben den Romanfiguren immer wieder einen starken inneren Halt, insbesondere, wenn ihre Psyche in unerbittlich-grausame Abgründe blicken muss. Hier wird die Mathematik gerade mit Hilfe ihrer ästhetischen und philosophischen Seiten zu einer Art Religion ohne Religiosität, einer Art intellektueller Kunst-Religion, die ihre Anhänger die Welt neu und reicher erfahren lässt. Und wer möchte, kann als Leser davon einfach etwas mit in sein Leben hinein nehmen.

Umgekehrt bringen Haushälterin und Sohn aber auch die bis dahin verschüttete menschliche und emotionale Seite des Professors wieder zurück in seine schwierige, überschaubar kleine Alltagswelt. Eine tragische, vergangene Liebe, seine mehr als vorbildliche väterliche Sorge um den Sohn der Haushälterin, ungewohnte menschliche Nähe, eine bedingungslose Leidenschaft für Baseball und vieles anderes, Herzerwärmendes und Trauriges, allesamt besondere Momente aus der ganzen Bandbreite eines eigenwilligen Lebens.

Der Roman fragt aber auch sehr geschickt nach dem, was bleibt - am Ende eines Lebens, was einen Menschen in seinem Kern ausmacht, wie wichtig das Erinnern für die Identität eines Menschen ist, was die innere und äußere Würde eines Menschen ausmacht, worauf es rückblickend in einem Leben ankommt...

Trotz aller Lebendigkeit der Figuren entwickelt dieser Roman Ogawas vielleicht nicht die verblüffende, metaphysische Sogwirkung, die viele ihrer anderen Arbeiten so besonders macht. Dafür bietet der Roman viel anregenden Stoff zum Nachdenken, wobei sie es schafft, dem ihr zentralen Thema Spiritualität eine für ihr Werk neue und wichtige Facette abzugewinnen, wodurch ihr Werk nun als wesentlich ganzheitlicher ausgerichtet erscheint. Ein Roman, der sicherlich viele Augen öffnet und dessen Kunst-Religion hoffnungsfroh stimmt.

(c) Tadashi Okochi
Der Verlag Liebeskind hat sich um die Etablierung der Autorin in Deutschland bislang sehr verdient gemacht, ihr eine Fan-Gemeinde erschlossen, die der Verlag mit regelmäßigen Neu-Veröffentlichung gut versorgt. Die Bücher sind nicht nur ansprechend gestaltet, auch findet sich - so weit ich dies beurteilen kann - in der Übersetzung nur selten einmal ein (wenn dann marginaler) Fehler. Was aber heftig zu bedauern bleibt: Die deutsche Leserschaft erreichen die Bücher Ogawas nur mit einer gehörigen Verspätung - im vorliegenden Fall erschien der Roman in Japan fast zehn Jahre früher.

Wenn die größte deutsche Buchhandelskette anfängt, in ihren Buchhandlungen nun auch diverse Geschenkartikel und bald wohl mehrheitlich „non-books“ anzubieten, nachdem bereits vielerorts die Gastronomie dort eingezogen war, macht dies überdeutlich, dass den Verlagen in Deutschland ein eiskalter Wind stramm ins Gesicht weht.

Deshalb sollten die verbliebenen Leser aufrichtiges Verständnis dafür zeigen, dass ein Verlag erst einmal abwartet, ob sich ein Titel international in Gestalt hoher Verkaufszahlen bewährt, bevor er das Risiko eingeht, das Buch auch auf dem demografisch schrumpfenden deutschen Markt zu veröffentlichen. So jedoch sind die deutschen Leser, die nicht über profunde Japanisch-Kenntnisse verfügen, von der aktuellen literarischen Entwicklung in Japan restlos abgeschnitten, haben keine Chance zu erfahren, in welche Richtung sich ihre Lieblingsautorin aktuell entwickelt.

Das ist sehr schade. Denn die Sprache der Kunst  wie auch der Mathematik lebt vom internationalen Austausch, vom zeitgenössischen Dialog derjenigen Menschen, die in diesen gedachten Welten leben.

Freitag, 30. März 2012

Morgen wichtige Veranstaltung zu Fukushima

Zusätzlich zu unserem Veranstaltungskalender möchten wir noch einmal gesondert auf folgende Veranstaltung hinweisen:

Musik und Informationen
“alive ~ hand in hand“ vol. 2

31. März - ab 18.00 Uhr
Freie Evangelische Gemeinde Holstenwall
Michaelispassage 1
22349 (Nähe S1-Station Stadthausbrücke)


Aktion von japanischen Musik-Studierenden in Hamburg und Gästen, veranstaltet von Rikako Oka, die neben neuesten Informationen, Videos und Bildern aus Japan auch verschiedene Stücke klassischer Musik bietet. Es geht dabei auch um die Frage nach dem Inhalt des Lebens, was es bedeutet, reich oder zufrieden zu sein und wie die Zukunft aussehen soll.
Eintritt frei, Spenden erbeten. 


Und übrigens: Wer wie die meisten Japaner Baseball liebt, der kann morgen um 13.00 Uhr in der 1. Baseball-Bundesliga beim "First Pitch" der Saison dabei sein, beim Spitzenspiel HSV Stealers vs. Paderborn Untouchables.
Weitere Informationen: www.stealers.de

Donnerstag, 29. März 2012

Morgen Benefizkonzert


Zusätzlich zu unserem Veranstaltungskalender möchten wir noch einmal gesondert auf folgende Veranstaltung hinweisen:

2. Benefizkonzert - Hilfe für Japan
Adventkirche
Kriegerdankweg 9
22457 Hamburg-Schnelsen

In Hamburg lebenden japanische Musikerinnen spielen gemeinsam für Japan. Mitwirkende: Hayumi Ino, Noriko Ogura, Yoshiko Oizumi, Takako Takahashi, Hazuki Ogoshi.

Montag, 12. März 2012

Kinetische Kunst als Zukunfts-Labor

Susumu Shingu und Renzo Piano
Vortrag „Breathing Earth“ von Susumu Shingu
 
Es gab einmal eine Zeit, es ist noch gar nicht so lange her, da galt unter Experten zahlloser Fachrichtungen von der Robotik über die künstliche Intelligenzforschung bis hin zur Informatik und dem Design Tokio als „Hauptstadt des 21. Jahrhunderts“. Dieser Ruf ist zwar noch nicht ganz verloren gegangen, aber es wurde merklich stiller und die ein oder andere aufstrebende Megapolis vom Schlage eines Shanghai eroberte auf vielen Gebieten diesen Ehrentitel für sich. Doch mit dem aus Hamburgs Partnerstadt Osaka stammenden „Windkünstler“ Susumu Shingu trat am 06. März in der Technischen Universität Hamburg-Harburg ein Multi-Macher, man müsste genauer sagen, ein Künstler-Ingenieur vor das Publikum, von dem man behaupten könnte, dass dieser Mann zu denjenigen Persönlichkeiten auf dieser kleinen blauen Kugel zählt, die tatsächlich ihren Teil dazu beitragen, um noch ein Stück weit die Zukunft zu erfinden.

Shingu an der TU Hamburg-Harburg
Doch bis dahin war es ein langer Weg. Shingu erhielt an der Tokioter Universität ursprünglich eine Ausbildung als Maler, bis er seinen italienischen Vorbildern folgte und sich an der Kunstakademie in Rom zusätzlich zum Bildhauer ausbilden ließ. Hier war es vor allem die kinetische Kunst der damaligen Zeit, die ihn in ihren Bann zog. An den von der kinetischen Kunst im dreidimensionalen Raum virtuos eingesetzten Elementen Licht, Klang und Bewegung faszinierte ihn besonders der Aspekt der Bewegung aus natürlichen Energieformen wie Wind und Wasserkraft. Gefördert durch einen Reeder aus Osaka, erschloss sich ihm anlässlich seiner Rückkehr nach Japan erstmals auch die technische Seite seiner späteren Arbieten. 

Wasser-Wind-Skulptur von Shingu
Seinen internationalen Durchbruch verdankt er offenbar jedoch Renzo Piano, dem italienischen Stararchitekten der Postmoderne, der Shingu bei wichtigen Bauvorhaben für die „Kunst am Bau“ mit ins Boot holte, die heute allesamt Architekturgeschichte sind. Die zwei bildeten in der Tat über viele Jahre hinweg ein kongeniales Gespann - Shingus Arbeiten sorgten als Blickfang an Pianos Architektur für den krönenden Abschluss. So vermochte er beispielsweise auf Anregung Pianos die eigentlich unsichtbaren Luftströme in einem riesigen Flughafen-Terminal des Architekten mit seiner Kunst zu visualisieren - ein fesselndes Fest für die Augen und mehr als passend für einen Flughafen, konnten die Passagiere so doch die Luftströme, auf denen sie sich in Kürze durch die Lüfte tragen lassen würden, sinnlich erfahren. Unvergessen auch seine „Segel“, die er für den Hafen von Genua erschuf und die an den größten Seefahrer der Stadt erinnern sollen - heute gilt diese Arbeit vollkommen zu Recht als eines ihrer Wahrzeichen und ist aus Genuas Altstadt nicht mehr wegzudenken.

"Segel" von Shingu im Altstadt-Hafen von Genua
Auch wenn sich seine Kunstwerke im Großen und Ganzen immer wieder deutlich an die kinetische Kunst seiner Vorbilder anlehnte, vermochte er im Laufe der Jahrzehnte doch immer wieder auch sehr überraschende Arbeiten zu erschaffen, die eine eigene Formensprache entwickelten. 

Die jahrzehntelange Arbeit mit den Kräften der Natur bewirkte bei ihm einerseits einen gewissen verständnisvollen Gleichmut: Auch einen Taifun sieht Shingu trotz seiner zerstörerischen Kraft als Teil der Natur, die dem Menschen jedoch gleichzeitig ein staunenswertes Leben voller kleiner und großer Wunder beschert. Andererseits hat er während eines halben Jahrhunderts intensive Erfahrungen mit den Naturgewalten gesammelt und reiste mehrmals um die ganze Welt, um von unterschiedlichsten Naturvölkern und deren eng mit der Natur verbundenen Lebensweisen zu lernen, die er in vielerlei Hinsicht für zukunftsweisend hält. Dieser Erfahrungsschatz ließ ihn ein besonderes Verhältnis zur Natur entwickeln, das ihn zu seinen aktuellen Projekten „Rice Paddies“ und „Breathing Earth“ führte. 

Projekt, bei dem Shingus Kunst auf allen Erdteilen aufgestellt wurde
Das von ihm ins Leben gerufene interdisziplinäre Projekt „Breathing Earth“, das er den zahlreich erschienenen Zuhörern vorstellte, hat in der Tat das Zeug dazu, in vielerlei Hinsicht einige zukünftige Trends vorwegzunehmen und einen Vorgeschmack auf die Art und Weise zu geben, wie zukünftige Generationen vielleicht einmal leben werden oder leben sollten. „Breathing Earth“ hat das Ziel, ein kleines Dorf mittels natürlicher Energieformen wie Wind und Sonnenkraft zum Selbstversorger zu verwandeln. 

Sich selbst erleuchtende Windkraft-Skulptur
Shingus kinetische Kunst ist dabei nicht nur hübsch anzusehen in ihren eleganten Bewegungen, sondern produziert dabei auch noch Energie. Der Künstler räumt zwar ein, dass er die perfekte Form noch nicht gefunden habe und der energetische Ertrag seiner Windkunst noch gering sei, aber eine Kunst, die mir das Haus beleuchtet, quasi nebenbei, ist bereits heute beeindruckend. Und er betont, dass seine Kunst besonders geräuscharm ist - wer eine Skulptur von Shingu sich in den Garten stellt, braucht sich also vor Stress mit den Nachbarn nicht zu fürchten. Auch nicht zu verachten ist die Tatsache, dass seine Skulpturen auch an windschwachen Orten ohne Probleme Strom liefern.

Eine Windkraft-Skulptur wird konstruiert
Obwohl das in unserer vermeintlich (post-)postmodernen Welt, in der ja eigentlich alle Utopien auf dem Müllberg der Geschichte gelandet sein sollten, verpönt sein mag, träumt er aufgrund seiner Erfahrungen sowie seinem Respekt vor der Natur und dem Leben von einer Art Öko-Utopie, bei deren Umsetzung er auf die Zusammenarbeit von Künsten und Wissenschaftn aus verschiedenen Fachgebieten setzt - darunter Experten aus der Landwirtschaft, dem Maschinenbau, der Meereskunde und der Astronomie. 

Reisanbau als Freizeit-Natur-Erlebnis
Neben der Selbstversorgung steht ferner der übergeordnete Wunsch im Vordergrund, bedrohlichen Schaden an unserer Umwelt und unserem Planeten so gering wie möglich zu halten. Im Rahmen der Projekte „Rice Paddies“ und „Breathing Earth“ wurden so Kinder aus der Region zusammen mit Kindern aus der ganzen Welt eingeladen, um gemeinsam an Freiland-Kursen teilzunehmen, bei denen sie so unterschiedliche Fertigkeiten wie Reisanbau, Naturbeobachtung, aber auch Malerei und Skulptur erlernten. 

Präsentation verschiedener Schüler-Skulpturen
Weil für seine Generation nach Shingus Aussage Reisfelder eine Art Spielplatz waren, versucht er beim Projekt „Rice Paddies“ so auch Bildschirmkindern etwas Naturerfahrung und Respekt vor Natur und dem Leben zu vermitteln sowie Menschen mehrerer Generationen und Nationen zu vereinen. Die von ihm vorgeführte Dokumentation der Projekte zeigte, dass beide Kunst-Aktionen in einem interdisziplinären Kunst-Festival mündeten, das auch verschiedene musikalische Darbietungen einschloss und in Zukunft hoffentlich zu einer Dauereinrichtung werden soll. Ein Festival verschiedener Künste, der Natur und der alltagstauglichen Öko-Technologie, das die Besucher sich früher oder später als Teil des Kosmos’ fühlen lässt.

Konzert im Rahmen des Kunst-Festivals
Am Schluss liess der umfassende und entspannte Vortrag viele strahlende Gesichter zurück und nur noch eine einzige Frage offen: 

Wann bekommt Hamburg endlich eine Skulptur von Susumu Shingu?