Dienstag, 1. November 2011

Japan nach der Katastrophe

Am Donnerstag, dem 27. Oktober hatten die Gäste des Julius-Leber-Forums der Hamburger Niederlassung der Friedrich-Ebert-Stiftung die Gelegenheit, einen ganz besonderen Vortrag über die Tsunami- und AKW-Katastrophe in Japan im März diesen Jahres mitzuerleben.

Generalkonsul Setsuo Kosaka, erst seit einigen Wochen in Hamburg in seinem Amt, gab einen bewegenden wie umfassenden Bericht über mögliche Ursachen, den Verlauf der Katastrophe und erste vorsichtige Ausblicke rund um die betroffenen Gebiete. Dabei hätte sein Vortrag nicht nur das mehr als voll besetzte Julius-Leber-Forum, sondern noch eine viel größere Öffentlichkeit verdient, zumal Generalkonsul Kosaka die Bürde auf sich nahm, seinen Bericht in Deutsch vorzutragen. Wer einmal Japanisch gelernt hat, weiß sicher aus eigener Erfahrung, wie schwer die sprachliche Barriere zwischen Deutsch und Japanisch zu überbrücken ist.



Der hochrangige Diplomat überraschte seine Zuhörerschaft bei dieser Gelegenheit gleich mehrfach: Er betonte vorab, vor dem Forum seine Meinung als Privatmann und nicht als Diplomat kundzutun und für viele Zuhörer unerwartet kritische Einschätzungen waren seiner Darstellung im Folgenden zu entnehmen. So beklagte er zunächst, dass die offiziellen Presseerklärungen verschiedener Seiten insgesamt wenig erkenntnisreich seien, wobei er betonte, dass die gegenwärtige Diskussion um die Ursachen der AKW-Katastrophe vor allem bedeutsam für Haftungsfragen seien und aus seiner persönlichen Sicht die tiefer liegenden Ursachen tief in der japanischen Gesellschaft verwurzelt seien.

Entgegen seiner captatio benevolentiae erläuterte Kosaka mit großer Sachkenntnis die geografischen Probleme Japans. So lernten die Zuhörer unter anderem, dass die von der Doppel-Katastrophe betroffene Region vier von zwölf „Erdbebengürtel“ der Welt beheimatet und bereits seit dem 8. Jahrhundert drei bis vier vergleichbar sehr schwere, durch Erdbeben ca. 70 km vor der Küste ausgelöste Tsunamis historisch belegt sind. Dennoch scheint die Betreiberfirma des AKW Fukushima (Tepco) solche historischen Ereignisse seinerzeit offenbar ignoriert zu haben. Gleichfalls behaupteten seriöse japanische Wissenschaftler zur Entstehungszeit der Anlage, solcherlei Erdbeben würden höchstens alle 800 bis 1000 Jahre vorkommen und die Atomfabrik sei daher so gut wie sicher...

Generalkonsul Kosaka gab weiterhin einen Überblick über den Stand des Wiederaufbaus der betroffenen Gebiete und verglich die Wiederaufbau-Bemühungen mehrfach mit dem Wiederaufbau der von einem Erdbeben vor einigen Jahren schwer zerstörten Stadt Kobe, das allen Anwesenden sicherlich noch in guter Erinnerung gewesen sein dürfte. Während Kobe nach seiner Einschätzung heute sogar noch schöner sei als vor dem Erdbeben, sei jedoch für die in diesem Jahr betroffenen Gebiete rund um Fukushima der Ausblick erheblich düsterer. Nicht nur der innerhalb der nächsten drei Jahre avisierte Wiederaufbau der Region dürfe als unwahrscheinlich gelten, durch die Zerstörungen zerbrachen vor allem auch die örtlichen Gemeinschaften der Menschen, so dass, zusätzlich angetrieben durch die problematische demografische Entwicklung der Region, ein großer, anhaltender sozialer und kultureller Verlust zu befürchten stehe.

An dieser Stelle gab Generalkonsul Kosaka einige zutiefst bewegende Beispiele des ergreifenden Leids und der tiefen Traumatisierungen, die über die Menschen der betroffenen Regionen durch die Katastrophe gekommen sind.   

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Anschließend ging er auf die Hintergründe der japanischen Atompolitik ein. Es scheint heute wie ein kaum steigerbarer Zynismus, aber mit der Ausweitung der Kernkraft in Japan sollte ursprünglich auch ein Beitrag zum weltweiten Umweltschutz geleistet werden. Kosaka versorgte sein Publikum hier mit zahlreichen zentralen Fakten.

So lag beispielsweise der Anteil der Atomkraftwerke an der japanischen Stromversorgung vor der Katastrophe von Fukushima bei ca. 30 Prozent und sollte in der Zukunft auf 50 Prozent erhöht werden. Die 54 landesweiten Atomkraftwerke hätten dazu auf 100 aufgestockt werden müssen. Mittlerweile habe die japanische Regierung dieses Ziel zwar revidiert, gleichwohl erhalte die japanische Bevölkerung nach wie vor zu wenige Informationen über die Zukunft der japanischen Energiepolitik wie auch über die aktuelle Radioaktivität im Land. Doch die japanische Bevölkerung sei nicht nur hierüber zutiefst frustriert. Auch habe sich zwischenzeitlich herausgestellt, dass der Betreiber des Atommeilers in Fukushima nach aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen nach dem Unfall ungefähr 8 Stunden Zeit gehabt hätte, um eine Katastrophe zu verhindern. So werde in Japan derzeit vermutet, dass die Furcht des Vorstands der Betreiberfirma vor den eigenen Aktionären dazu geführt habe, falsche Entscheidungen zu treffen. Heute gingen Wissenschaftler vielmehr davon aus, dass eine Sauerstoffexplosion hätte vermieden werden können, wenn unmittelbar Seewasser als Kühlwasser-Ersatz benutzt worden wäre, doch die Tatsache, dass die teuren Anlagen dadurch unbrauchbar würden, dürfte den Vorstand der Betreiberfirma von dieser Entscheidung zunächst abgehalten haben, wodurch wertvolle Zeit verstrich und die Katastrophe schließlich nicht mehr abzuwenden war.

Auch die zuständige Kontrollbehörde erscheint im Nachhinein in keinem günstigen Licht, da es vor allem an der Unabhängigkeit der Institution mangelte. Neben personellen Verflechtungen durch gleichzeitige Ämterhäufung in der Chefetage von Tepco und Aufsichtsbehörde spielte hier auch die Tatsache eine Rolle, dass die Aufsichtsbehörde de facto eine Unterbehörde des Wirtschaftsministeriums gewesen sei. Auch dürfe man nicht die Macht der Betreiberfirma in Japan unterschätzen, die sich nicht nur auf die Medienlandschaft, sondern mittels Verflechtungen mit staatlichen Institutionen sogar bis in die Wissenschaft hinein erstreckte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war so in der staatlich finanzierten akademischen Forschung keine unabhängige, kritische wissenschaftliche Arbeit mehr möglich.

Folge sei ein unhaltbarer Mythos von der Sicherheit japanischer Atomkraftwerke gewesen, der über verschiedenen Medien über einen sehr langen Zeitraum tief in das Bewußtsein der japanischen Bevölkerung verankert wurde. Sogar in Schulbüchern fanden sich daher noch im vergangenen Jahr Aussagen, japanische Atomkraftwerke seien auch bei Tsunami hundertprozentig sicher und ein Atomunfall sei nur einmal in fünf Millionen Jahren denkbar, die Atomanlagen damit für alle Zeiten so gut wie sicher... an dieser Stelle war ein schweres Schlucken im Zuschauerraum zu vernehmen, in dem man sonsten vor lauter angespannter Konzentration eine Stecknadel hätte fallen hören können.  

Eben aufgrund dieser faktenreich vorgetragenen Vorgeschichte folgerte Kosaka, der Unfall sei in diesem Sinne ein „typisch japanisches Phänomen“ gewesen, da die japanische Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg in einer Illusion von Sicherheit lebte, auch hinsichtlich anderer Probleme.

Die spannende Fragerunde, in der auch die jahrzehntelange unkritischen Rolle japanischer Medien kontrovers diskutiert wurde, schloß mit vielen wichtigen Informationen, beispielsweise dass es in Japan bislang noch keinen politischen Konsens und keinen „Masterplan“ gebe, wie ein Zeitalter nach dem Atomstrom aussehen könne, auch wenn es vereinzelt bereits vielversprechende Initiativen und Projekte gebe. Besorgte Japanreisende, die sich um das Ausmaß der Verstrahlung in und um die Region Fukushima sowie Auswirkungen auf weiter entfernt liegende Regionen erkundigten, musste Generalkonsul Kosaka einstweilen noch um Geduld bitten, da diesbezüglich noch keine abschließenden wissenschaftlichen Untersuchungen vorlägen, die diesbezüglich tragfähige Aussagen ermöglichten.

Mit seiner Offenheit, seinem faktenreichen Bericht und auch seiner glaubhaft vorgetragenen kritischen Haltung konnte Generalkonsul Kosaka vor dem Julius-Leber-Forum der Friedrich-Ebert-Gesellschaft so trotz noch ausstehender wissenschaftlicher Untersuchungen und bislang unzureichender offizieller Pressemitteilungen sehr viel Vertrauen in sein Land und die Informationen aus Japan zurückgewinnen. Und das ist in diesen Krisen-Zeiten mit hundertprozentiger Sicherheit ein beachtlicher Schritt.