Dienstag, 28. Februar 2012

Neuer Roman von Yoko Ogawa

Literarische Liebeserklärung an die Mathematik 
als Kunst-Religion

Yoko Ogawa hätte der Star des Japan-Tags des jüngsten Harbour Front Literaturfestivals werden sollen (an dem auch die Japanfreunde Hamburg mit einer Lesung teilnahmen) und nachdem die Veranstalter bereits die Zusage erhalten hatten, klappte es dann leider kurzfristig doch nicht. Besonders bedauerlich für Hamburg, denn Ogawa war bereits einmal im Jahr 2003 im Rahmen des Berliner Internationalen Literaturfestivals zu Gast in Deutschland. Sie ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Japans und ihre seit gut zehn Jahren auf Deutsch erschienenen Romane haben ihr auch in Deutschland eine große und treue Fan-Gemeinde eingebracht.

Wie ist also der neue Roman von ihr?

„Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ (Originaltitel „Hakase no Aishita Sushiki“) erschien in Japan bereits 2003, in Deutschland nun vor einer Woche und einem Tag. Wer Ogawas Art zu erzählen mag, der wird auch hier voll auf seine Kosten kommen, das Buch ist vor allem in stilistischer Hinsicht ein für Ogawa sehr typischer Roman, zeigt inhaltlich aber völlig neue Qualitäten, die man von Ogawa in dieser Form so auf Deutsch gar nicht kennt.

Das fängt bereits mit dem Thema an. Mathematik? Naturwissenschaft? Ist das denn interessant? - Nun, für Japaner offenbar schon, denn zweieinhalb Millionen Mal(!) verkaufte sich dort der Roman, bevor er in 16 Sprachen übersetzt wurde.

Das deutsche Publikum tut sich erfahrungsgemäß schwer mit dem crossover von Wissenschaft und Kunst - der grandiose historische Roman über das unfassbar abenteuerliche Leben des (Berliner) Erfinders des Computers, Konrad Zuse, dessen Erlebnisse im Bombenhagel des 2. Weltkriegs den Adrenalinspiegel der Leser unfreiwillig in die Höhe treiben, schaffte es in Deutschland nicht in die Bestseller-Listen, obwohl mancher fiktive Geheimagent im Vergleich zu dieser realen Lebensgeschichte wie ein blasser Langweiler dasteht.


Also Mathematik. Worum geht es? Ein brillanter Mathematikprofessor, ein stilles Genie, das immer wieder die internationale Fachwelt zu überraschen vermag, überlebt einen schweren Verkehrsunfall, hat allerdings Zeit seines restlichen Lebens mit einem höchst ungewöhnlichen Folgeschaden zu leben: Sein Kurzzeitgedächtnis umfasst nur noch achtzig Minuten, danach erinnert er sich an nichts mehr und alles beginnt für ihn von vorn, ähnlich wie die Endlosschleife einer alten Videokassette, die immer wieder neu bespielt wird.

Um in seinem Alltag wenigstens grob zurecht zu kommen, heftet er sich kleine Notiz-Zettel an alle möglichen Stellen seiner Kleidung, die ihn alle achtzig Minuten an die ‚basics‘ seines Lebens erinnern sollen. Diese und ein Arsenal weiterer skurriler Verhaltensweisen lassen die Figur den Lesern äußerst plastisch und lebendig vor Augen treten - und sicherlich in ihr Herz schließen. Der Professor lebt in der Obhut seiner Schwägerin und verschleisst wegen seiner schwer zu ertragenden Eigenheiten eine Haushälterin nach der anderen. Erst mit Haushälterin Nummer 9 und ihrem liebenswerten Sohn wird alles anders.

Ob die beiden wollen oder nicht, sie sind aufgrund der unfreiwilligen Eigenarten des Professor gezwungen, in dessen Welt einzutauchen. Puuh... ein Mathe-Genie... wie soll man das bloss aushalten? Was dann passiert, ist aber vollkommen überraschend.

Mathe ist bei Ogawa nämlich ganz anders, als wir das aus der Schule kennen. Der Professor ist ein ‚echtes‘ Genie, das nicht nur gut rechnen kann, sondern der mit seiner Art der Mathematik stets auf der Suche nach der ‚Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit‘ ist. Ein romantischer Topos? Bei Ogawa ein wenig, durchaus. Denn die Mathematik entpuppt sich bei Ogawas Professor als ein Mittel, im scheinbar schnöden, unspektakulären Lebensalltag neue Bedeutungen zu entdecken, unerkannte Beziehungen zwischen den Menschen, zwischen den Menschen und den Dingen, aber auch zwischen den Menschen, den Dingen und der Natur zu erkennen, oft sogar einen winzig kleinen Einblick in die ewigen Gesetze des Universums und die einer höhren Macht zu erhaschen. Gemeinsam mit Haushälterin Nummer 9 gehen die Leser so auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise, bei der auch die ästhetische Seite der Mathematik immer wieder aufscheint. Die Haushälterin kommt so aus dem Staunen nicht mehr heraus, fängt, im Rahmen ihrer laienhaften Möglichkeiten, sogar selber an, sich für die Wunder der Mathematik zu begeistern.

Wie schafft der Roman das? - Gibt es in dem Roman etwa Zahlen, Formeln, mathematische Grafiken? Haltet euch fest: Ja, die gibt es. Tatsächlich. In einem Roman. Und der Roman ‚funktioniert‘ - man wäre hier geneigt zu schreiben ‚dennoch‘ -, aber genau das stimmt in diesem Fall nicht. Und das macht den Roman angesichts des schwierigen Themas so bemerkenswert. Der Roman funktioniert nicht trotz, sondern gerade mit der Mathematik. Ein bemerkenswerter Aha-Effekt.

Auch wenn mir persönlich als jemanden, für den die Schul-Mathematik ein nicht enden wollendes Horrorspektakel darstellte, in manchen Passagen die Darstellung etwas zu ausführlich erschien, schafft es der Roman dennoch mit viel Liebe und Hingabe an die Sache, selbst solch hoffnungslosen Fällen wie mir die ‚Wunder der Mathematik‘ deutlich zu machen, insbesondere auch, zu welchen oft faszinierenden Erkenntnissen man kommen kann, wenn man versucht, die Welt mit den Augen der Mathematik zu sehen.

Die so wahrnehmbare ‚Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit‘ mit ihren ewigen Gesetzen geben den Romanfiguren immer wieder einen starken inneren Halt, insbesondere, wenn ihre Psyche in unerbittlich-grausame Abgründe blicken muss. Hier wird die Mathematik gerade mit Hilfe ihrer ästhetischen und philosophischen Seiten zu einer Art Religion ohne Religiosität, einer Art intellektueller Kunst-Religion, die ihre Anhänger die Welt neu und reicher erfahren lässt. Und wer möchte, kann als Leser davon einfach etwas mit in sein Leben hinein nehmen.

Umgekehrt bringen Haushälterin und Sohn aber auch die bis dahin verschüttete menschliche und emotionale Seite des Professors wieder zurück in seine schwierige, überschaubar kleine Alltagswelt. Eine tragische, vergangene Liebe, seine mehr als vorbildliche väterliche Sorge um den Sohn der Haushälterin, ungewohnte menschliche Nähe, eine bedingungslose Leidenschaft für Baseball und vieles anderes, Herzerwärmendes und Trauriges, allesamt besondere Momente aus der ganzen Bandbreite eines eigenwilligen Lebens.

Der Roman fragt aber auch sehr geschickt nach dem, was bleibt - am Ende eines Lebens, was einen Menschen in seinem Kern ausmacht, wie wichtig das Erinnern für die Identität eines Menschen ist, was die innere und äußere Würde eines Menschen ausmacht, worauf es rückblickend in einem Leben ankommt...

Trotz aller Lebendigkeit der Figuren entwickelt dieser Roman Ogawas vielleicht nicht die verblüffende, metaphysische Sogwirkung, die viele ihrer anderen Arbeiten so besonders macht. Dafür bietet der Roman viel anregenden Stoff zum Nachdenken, wobei sie es schafft, dem ihr zentralen Thema Spiritualität eine für ihr Werk neue und wichtige Facette abzugewinnen, wodurch ihr Werk nun als wesentlich ganzheitlicher ausgerichtet erscheint. Ein Roman, der sicherlich viele Augen öffnet und dessen Kunst-Religion hoffnungsfroh stimmt.

(c) Tadashi Okochi
Der Verlag Liebeskind hat sich um die Etablierung der Autorin in Deutschland bislang sehr verdient gemacht, ihr eine Fan-Gemeinde erschlossen, die der Verlag mit regelmäßigen Neu-Veröffentlichung gut versorgt. Die Bücher sind nicht nur ansprechend gestaltet, auch findet sich - so weit ich dies beurteilen kann - in der Übersetzung nur selten einmal ein (wenn dann marginaler) Fehler. Was aber heftig zu bedauern bleibt: Die deutsche Leserschaft erreichen die Bücher Ogawas nur mit einer gehörigen Verspätung - im vorliegenden Fall erschien der Roman in Japan fast zehn Jahre früher.

Wenn die größte deutsche Buchhandelskette anfängt, in ihren Buchhandlungen nun auch diverse Geschenkartikel und bald wohl mehrheitlich „non-books“ anzubieten, nachdem bereits vielerorts die Gastronomie dort eingezogen war, macht dies überdeutlich, dass den Verlagen in Deutschland ein eiskalter Wind stramm ins Gesicht weht.

Deshalb sollten die verbliebenen Leser aufrichtiges Verständnis dafür zeigen, dass ein Verlag erst einmal abwartet, ob sich ein Titel international in Gestalt hoher Verkaufszahlen bewährt, bevor er das Risiko eingeht, das Buch auch auf dem demografisch schrumpfenden deutschen Markt zu veröffentlichen. So jedoch sind die deutschen Leser, die nicht über profunde Japanisch-Kenntnisse verfügen, von der aktuellen literarischen Entwicklung in Japan restlos abgeschnitten, haben keine Chance zu erfahren, in welche Richtung sich ihre Lieblingsautorin aktuell entwickelt.

Das ist sehr schade. Denn die Sprache der Kunst  wie auch der Mathematik lebt vom internationalen Austausch, vom zeitgenössischen Dialog derjenigen Menschen, die in diesen gedachten Welten leben.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Kaiserliche Ehrung für Hamburger Budo-Gründer

Man kann es sich in diesen Krisenzeiten, in denen es nur um Einsparungen, Kürzungen und den Abbau von Infrastrukturen geht - und in denen wir uns auf dem Weg zur Arbeit seit nunmehr drei Jahren(!) selbst in Nobel-Stadtteilen Tag für Tag über die immer gleichen Schlaglöcher hinwegquälen - kaum vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der noch etwas dauerhaft Wertvolles aufgebaut wurde. Das Alster Dojo ist solch ein besonderer Ort in Hamburg und selbst wer als Hamburger Kampfsportler einem anderen Dojo angehört wird gerne neidlos und voller Anerkennung zugeben, dass dieses Juwel unter den Hamburger Kampfsport-Orten wohl der schönste und "japanischste" Ort in Hamburg ist, um traditionelle japanische Kampfkünste wie Iaido, Kendo, Sojutsu oder Kyudo zu üben.

Zu verdanken hat dies die Hansestadt einem Wahlhamburger, der sich weit über die Grenzen Hamburgs hinaus um die traditionellen japanischen Kampfkünste verdient gemacht hat. Feliks Hoff gründete zunächst 1969 Hamburgs erste Kyudo-Gruppe und war lange Jahre
in leitender Position in wichtigen Verbänden tätig, wobei Hoff beispielsweise nicht nur Präsident des deutschen Kyudo-Bundes war und dessen Ehrenpräsident ist, sondern auch hier zu den Gründern und "Motoren" zählte. Heute darf dieser Verband mit Stolz feststellen, der mitgliederstärkste Verband außerhalb Japans zu sein. Neben beeindruckenden Erfolgen bei nationalen und internationalen Wettbewerben, darunter dem Weltmeistertitel in der Kategorie der Kyudo-Lehrer im vergangenen Jahr, durfte sich der frühere Bundestrainer auch über eine Nominierung zu Hamburgs "Sportler des Jahres" freuen. Doch nicht nur für Kyudo, auch für das Iaido hat Hoff-sensei viel getan, darunter als mehrfacher Buchautor.


Freunde des japanischen Gartens in Planten un Blomen erinnern sich immer wieder gerne der beeindruckenden, stimmungsvollen Vorführungen des Alster Dojos rund um das japanische Teehaus. Vor "stilechter" Kulisse zeigte der Verein mehrfach im Sommer Kyudo, eine Gruppenvorführung Iaido und Kendo sowie den äußerst selten zu sehenden japanischen Speerkampf. Das Alster Dojo, dessen Präsident Hoff bis heute ist, wurde so über die Jahrzehnte zu einer kontinuierlichen Anlaufstelle für Kampfkunst-Begeisterte und dank seiner internationalen Ausrichtung eine der wichtigsten Brücken zwischen Hamburg und Japan. Im Gegensatz zu manchen Renommiersüchtigen, die sich gerne auf Steuerzahlerkosten bei Senatsempfängen bewirten lassen und außer dem Verzehr japanischer Spezialitäten wenig für die hamburgisch-japanische Freundschaft tun, erweist sich gerade in Zeiten einer wechselhaften, krisengebeutelten Wirtschaftslage die Hamburger Budo-Szene als dauerhafter Garant deutsch-japanischer Freundschaft.

Um die nunmehr vier Jahrzehnte andauernden Verdienste Hoffs zu ehren, wird ihm am 13. Dezember im Rahmen einer Zeremonie in der Handelskammer im Namen des japanischen Kaisers Akihito der Orden der "aufgehenden Sonne, goldene Strahlen mit Rosette" durch Generalkonsul Setsuo Kosaka verliehen (siehe auch unseren Veranstaltungskalender). Dabei sollen passenderweise auch einige japanische Kampfsportarten vorgeführt werden.

Wir gratulieren von Herzen!

Und hier geht's zum Alster Dojo e.V.: http://alster-dojo.dnsdojo.org/
Wer bei der Verleihung noch mit dabei sein möchte, wende sich bitte an das japanische Generalkonsulat: http://www.hamburg.emb-japan.go.jp/

Dienstag, 6. Dezember 2011

Zurück zur "Normalität"?

Tempus fugit - es will wie gestern scheinen, als der Japanisch-Deutsche Stadtteildialog auf ein dutzend Jahre zurückblicken konnte, doch in diesem Jahr am 18. und 19. November hatte die Initiative bereits Grund, ihr 20-jähriges Bestehen zu feiern. Und zwar gründlich: In Kooperation mit der Universität Hamburg, der "Motte" e.V. und dem Stadtteilarchiv Ottensen wurde ein spannendes und informatives Jubiläumsprogramm präsentiert, das neben hochkarätigen Vorträgen sowie Berichten über die Lage in Japan auch Podiumsdiskussionen und Dokumentarfilm-Vorführungen enthielt.

Zu den Höhepunkten unter den Veranstaltungen zählte zweifellos der lebhafte Vortrag des in Japan stark bürgerengagierten Professors für Kommunikationsdesign an der Universität Osaka Shigekazu Morikuri.


Er setzte bei dem Versuch, die Frage zu beantworten, inwiefern Japan von der Katastrophe zur Normalität zurückgekehrt sei, das Wort Normalität bewusst in Anführungszeichen. Er ließ keinen Zweifel daran, dass Japan traditionell ein Katastrophenland sei und beklagte die Katastrophenvergessenheit seines Landes - trotz der eigenen häufigen, traumatisch erlittenen Katastrophen herrschte seiner Auffassung nach der Glaube vor, ein Ereignis wie das Reaktorunglück in Tschernobyl könne in Japan nicht passieren. Er stellte in diesem Zusammenhang viele kritische Fragen, etwa bezüglich der Nachlässigkeit von Verantwortlichen, übertriebener Zuversicht in der Bevölkerung, dem Glauben an die Technik und an die Effektivität der vorhandenen Rettungseinrichtungen. Dabei wartete Morikuri-sensei mit vielen eindringlichen Beispielen auf und nannte unter anderem Fischfabriken, die unter Meeresspiegel-Niveau gebaut wurden oder Gebäude, die lediglich einstöckig errichtet wurden, obwohl bereits der Ortsname des betroffenen Gebietes auf Tsunamis verwies.

Weiten Raum nahmen Erklärungen und Vergleiche zwischen dem Wiederaufbau der Stadt Kobe nach dem bekannten, verheerenden Erdbeben und den Chancen eines Wiederaufbaus der im März zerstörten Regionen ein. Er berichtete dabei ebenso von seinem eigenen, für die Zuhörer sicherlich lehrreichen Engagement. Auch heute geht es wieder darum, ein tragfähiges Konzept für den Wiederaufbau zu entwickeln. Hier baut Professor Morikuri insbesondere auf Netzwerke und Verbindungen zu anderen Städten, wobei Hamburg gleichermaßen eine wichtige Rolle spielt. Kurz schilderte er seine aktuelle Vision einer kommunikativeren Stadt ohne Autos (die seiner Ansicht nach die Kommunikation unterbinden), somit einer Stadt, die zu Fuß erfahren werden kann und in der Menschen wieder einander näher kommen.

Denn eine veränderte Infrastruktur stellt für ihn eine absolute Notwendigkeit dar. Bei diesen Planungen sollen nunmehr vor allem die betroffenen Bürger einbezogen werden und er glaubt: "Wir müssen aus den Erfahrungen der Katastrophe heraus eine neue Kultur entwickeln!"

Seiner Ansicht nach wird das bisherige System, das die gefährliche Erzeugung von Energie in ländliche Gebiete abschob, um weiterhin verschwenderisch mit Energie umgehen zu können, keinen Bestand haben können. In diesem Zusammenhang sparte er nicht mit Kritik: Seiner Erfahrung zufolge wird die Meinung der japanischen Öffentlichkeit gezielt manipuliert, beispielsweise durch die Veröffentlichung von e-mails angeblich "echter" Befürworter einer Wiederinbetriebnahme von Kernkraftwerken, die in der Öffentlichkeit lanciert wurden - sprich: das ganze Arsenal des viralen Marketings im Zeitalter des web 2.0 wurde hier mutmaßlich zur Manipulation der öffentlichen Meinung durch mächtige und kapitalstarke Energieversorger eingesetzt.  


Professor Morikuri fand auch deutliche Worte zum Verhalten von Stromversorgern die versuchten, eine mögliche Bürgerbeteiligung bei der Umgestaltung Japans dadurch von vornherein zu unterbinden, dass einfach die notwendigen Zahlen, z.B. bezüglich der durch die Bevölkerung freiwillig eingesparten Energie, nicht veröffentlicht werden.

Nunmehr sei der Ausstieg Japans aus der Atomkraft bis zum Jahre 2050 geplant und es würden keine neuen Atomkraftwerke gebaut. Morikuri-sensei zeigte sich fest davon überzeugt, dass die japanische Bevölkerung den Weg zu einem Leben ohne Atomstrom erfolgreich finden werde und berichtete abschließend von den Bemühungen Osakas, die von der März-Katastrophe betroffenen Regionen zu unterstützen. Beeindruckend war ebenfalls seine Nachricht von rund 200 Foren in Osaka, die sich unter Beteiligung der Bürger gegründet hätten, um die Stadt vor zukünftigen Katastrophen zu schützen.

Professor Morikuri konnte in diesem Zusammenhang letztlich einen ermutigenden Ausblick geben: Er verwies auf einen zunehmenden Wertewandel in der Bevölkerung, der die Menschen weg führe vom reinen Konsumenten und sie sich an Gemeinschaftlichkeit und Nachhaltigkeit orientieren lasse. Immer weniger Bürger wollen offenbar von den derzeitigen Energieerzeugern abhängig sein. Menschen beginnen seiner Auffassung nach, Stadtentwicklung als ihr höchsteigenes Problem aufzufassen, sich einzubringen und veranlassen die Bürger dazu, sich füreinander zu engagieren. 

Abschließend berichtete Michael Wendt vom Verein "Motte" vor diesem Hintergrund über die deutsche Anti-Atomkraftbewegung sowie die Gründe und Motive für ihre nunmehr vierzigjährige Existenz. Wie in diesem Dialog deutlich wurde, wird es noch viel bürgerlichen Engagements bedürfen, wenn sowohl die deutsche als auch die japanische Gesellschaft fit für die Zukunft gemacht werden soll, aber - zumindest hinsichtlich des Engagements der Bevölkerung - leuchtet der Silberstreif am Horizont derzeit immer heller... in beiden Ländern.

Übrigens: Wer noch einen schönen Kalender für das kommende Jahr gebrauchen kann und mit dem Kauf auch noch die Tsunami- und Erdbebenopfer unterstützen möchte, der wende sich an den Stadtteildialog unter www.stadtteildialog-japan.de.


   

Dienstag, 1. November 2011

Japan nach der Katastrophe

Am Donnerstag, dem 27. Oktober hatten die Gäste des Julius-Leber-Forums der Hamburger Niederlassung der Friedrich-Ebert-Stiftung die Gelegenheit, einen ganz besonderen Vortrag über die Tsunami- und AKW-Katastrophe in Japan im März diesen Jahres mitzuerleben.

Generalkonsul Setsuo Kosaka, erst seit einigen Wochen in Hamburg in seinem Amt, gab einen bewegenden wie umfassenden Bericht über mögliche Ursachen, den Verlauf der Katastrophe und erste vorsichtige Ausblicke rund um die betroffenen Gebiete. Dabei hätte sein Vortrag nicht nur das mehr als voll besetzte Julius-Leber-Forum, sondern noch eine viel größere Öffentlichkeit verdient, zumal Generalkonsul Kosaka die Bürde auf sich nahm, seinen Bericht in Deutsch vorzutragen. Wer einmal Japanisch gelernt hat, weiß sicher aus eigener Erfahrung, wie schwer die sprachliche Barriere zwischen Deutsch und Japanisch zu überbrücken ist.



Der hochrangige Diplomat überraschte seine Zuhörerschaft bei dieser Gelegenheit gleich mehrfach: Er betonte vorab, vor dem Forum seine Meinung als Privatmann und nicht als Diplomat kundzutun und für viele Zuhörer unerwartet kritische Einschätzungen waren seiner Darstellung im Folgenden zu entnehmen. So beklagte er zunächst, dass die offiziellen Presseerklärungen verschiedener Seiten insgesamt wenig erkenntnisreich seien, wobei er betonte, dass die gegenwärtige Diskussion um die Ursachen der AKW-Katastrophe vor allem bedeutsam für Haftungsfragen seien und aus seiner persönlichen Sicht die tiefer liegenden Ursachen tief in der japanischen Gesellschaft verwurzelt seien.

Entgegen seiner captatio benevolentiae erläuterte Kosaka mit großer Sachkenntnis die geografischen Probleme Japans. So lernten die Zuhörer unter anderem, dass die von der Doppel-Katastrophe betroffene Region vier von zwölf „Erdbebengürtel“ der Welt beheimatet und bereits seit dem 8. Jahrhundert drei bis vier vergleichbar sehr schwere, durch Erdbeben ca. 70 km vor der Küste ausgelöste Tsunamis historisch belegt sind. Dennoch scheint die Betreiberfirma des AKW Fukushima (Tepco) solche historischen Ereignisse seinerzeit offenbar ignoriert zu haben. Gleichfalls behaupteten seriöse japanische Wissenschaftler zur Entstehungszeit der Anlage, solcherlei Erdbeben würden höchstens alle 800 bis 1000 Jahre vorkommen und die Atomfabrik sei daher so gut wie sicher...

Generalkonsul Kosaka gab weiterhin einen Überblick über den Stand des Wiederaufbaus der betroffenen Gebiete und verglich die Wiederaufbau-Bemühungen mehrfach mit dem Wiederaufbau der von einem Erdbeben vor einigen Jahren schwer zerstörten Stadt Kobe, das allen Anwesenden sicherlich noch in guter Erinnerung gewesen sein dürfte. Während Kobe nach seiner Einschätzung heute sogar noch schöner sei als vor dem Erdbeben, sei jedoch für die in diesem Jahr betroffenen Gebiete rund um Fukushima der Ausblick erheblich düsterer. Nicht nur der innerhalb der nächsten drei Jahre avisierte Wiederaufbau der Region dürfe als unwahrscheinlich gelten, durch die Zerstörungen zerbrachen vor allem auch die örtlichen Gemeinschaften der Menschen, so dass, zusätzlich angetrieben durch die problematische demografische Entwicklung der Region, ein großer, anhaltender sozialer und kultureller Verlust zu befürchten stehe.

An dieser Stelle gab Generalkonsul Kosaka einige zutiefst bewegende Beispiele des ergreifenden Leids und der tiefen Traumatisierungen, die über die Menschen der betroffenen Regionen durch die Katastrophe gekommen sind.   


Anschließend ging er auf die Hintergründe der japanischen Atompolitik ein. Es scheint heute wie ein kaum steigerbarer Zynismus, aber mit der Ausweitung der Kernkraft in Japan sollte ursprünglich auch ein Beitrag zum weltweiten Umweltschutz geleistet werden. Kosaka versorgte sein Publikum hier mit zahlreichen zentralen Fakten.

So lag beispielsweise der Anteil der Atomkraftwerke an der japanischen Stromversorgung vor der Katastrophe von Fukushima bei ca. 30 Prozent und sollte in der Zukunft auf 50 Prozent erhöht werden. Die 54 landesweiten Atomkraftwerke hätten dazu auf 100 aufgestockt werden müssen. Mittlerweile habe die japanische Regierung dieses Ziel zwar revidiert, gleichwohl erhalte die japanische Bevölkerung nach wie vor zu wenige Informationen über die Zukunft der japanischen Energiepolitik wie auch über die aktuelle Radioaktivität im Land. Doch die japanische Bevölkerung sei nicht nur hierüber zutiefst frustriert. Auch habe sich zwischenzeitlich herausgestellt, dass der Betreiber des Atommeilers in Fukushima nach aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen nach dem Unfall ungefähr 8 Stunden Zeit gehabt hätte, um eine Katastrophe zu verhindern. So werde in Japan derzeit vermutet, dass die Furcht des Vorstands der Betreiberfirma vor den eigenen Aktionären dazu geführt habe, falsche Entscheidungen zu treffen. Heute gingen Wissenschaftler vielmehr davon aus, dass eine Sauerstoffexplosion hätte vermieden werden können, wenn unmittelbar Seewasser als Kühlwasser-Ersatz benutzt worden wäre, doch die Tatsache, dass die teuren Anlagen dadurch unbrauchbar würden, dürfte den Vorstand der Betreiberfirma von dieser Entscheidung zunächst abgehalten haben, wodurch wertvolle Zeit verstrich und die Katastrophe schließlich nicht mehr abzuwenden war.

Auch die zuständige Kontrollbehörde erscheint im Nachhinein in keinem günstigen Licht, da es vor allem an der Unabhängigkeit der Institution mangelte. Neben personellen Verflechtungen durch gleichzeitige Ämterhäufung in der Chefetage von Tepco und Aufsichtsbehörde spielte hier auch die Tatsache eine Rolle, dass die Aufsichtsbehörde de facto eine Unterbehörde des Wirtschaftsministeriums gewesen sei. Auch dürfe man nicht die Macht der Betreiberfirma in Japan unterschätzen, die sich nicht nur auf die Medienlandschaft, sondern mittels Verflechtungen mit staatlichen Institutionen sogar bis in die Wissenschaft hinein erstreckte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war so in der staatlich finanzierten akademischen Forschung keine unabhängige, kritische wissenschaftliche Arbeit mehr möglich.

Folge sei ein unhaltbarer Mythos von der Sicherheit japanischer Atomkraftwerke gewesen, der über verschiedenen Medien über einen sehr langen Zeitraum tief in das Bewußtsein der japanischen Bevölkerung verankert wurde. Sogar in Schulbüchern fanden sich daher noch im vergangenen Jahr Aussagen, japanische Atomkraftwerke seien auch bei Tsunami hundertprozentig sicher und ein Atomunfall sei nur einmal in fünf Millionen Jahren denkbar, die Atomanlagen damit für alle Zeiten so gut wie sicher... an dieser Stelle war ein schweres Schlucken im Zuschauerraum zu vernehmen, in dem man sonsten vor lauter angespannter Konzentration eine Stecknadel hätte fallen hören können.  

Eben aufgrund dieser faktenreich vorgetragenen Vorgeschichte folgerte Kosaka, der Unfall sei in diesem Sinne ein „typisch japanisches Phänomen“ gewesen, da die japanische Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg in einer Illusion von Sicherheit lebte, auch hinsichtlich anderer Probleme.

Die spannende Fragerunde, in der auch die jahrzehntelange unkritischen Rolle japanischer Medien kontrovers diskutiert wurde, schloß mit vielen wichtigen Informationen, beispielsweise dass es in Japan bislang noch keinen politischen Konsens und keinen „Masterplan“ gebe, wie ein Zeitalter nach dem Atomstrom aussehen könne, auch wenn es vereinzelt bereits vielversprechende Initiativen und Projekte gebe. Besorgte Japanreisende, die sich um das Ausmaß der Verstrahlung in und um die Region Fukushima sowie Auswirkungen auf weiter entfernt liegende Regionen erkundigten, musste Generalkonsul Kosaka einstweilen noch um Geduld bitten, da diesbezüglich noch keine abschließenden wissenschaftlichen Untersuchungen vorlägen, die diesbezüglich tragfähige Aussagen ermöglichten.

Mit seiner Offenheit, seinem faktenreichen Bericht und auch seiner glaubhaft vorgetragenen kritischen Haltung konnte Generalkonsul Kosaka vor dem Julius-Leber-Forum der Friedrich-Ebert-Gesellschaft so trotz noch ausstehender wissenschaftlicher Untersuchungen und bislang unzureichender offizieller Pressemitteilungen sehr viel Vertrauen in sein Land und die Informationen aus Japan zurückgewinnen. Und das ist in diesen Krisen-Zeiten mit hundertprozentiger Sicherheit ein beachtlicher Schritt.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Japans künstlerischer Einfluss

Während die einen glauben, dass man vermeintlich nur mit dem „Zweiten“ gut sieht, gilt in der Kunst dagegen nur allzu oft: Man sieht nur, was man weiss. Vor vollem Haus gab am Dienstag, dem 25. Oktober, Dr. Gabriele Himmelmann in der Glinder Kupfermühle den sehr interessierten Zuhörern Gelegenheit, mehr über die vielfältigen Einflüsse japanischer Künstler auf bedeutende europäische Künstlerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts zu erfahren. Ein so spannendes wie umfangreiches Thema!

Die Referentin gab gleich zu Anfang ihres Vortrags unumwunden zu, keine Fachfrau für japanische Kunst zu sein, was sich vor allem an der fehlerhaften Aussprache der Namen japanischer Künstler und kleineren Ungenauigkeiten bemerkbar machte. Ihre Parallelen zwischen japanischer und europäischer Kunst, die sie fast ausschließlich auf ausgewählte französische Arbeiten eingrenzte, blieben daher überwiegend allgemeiner Art. Gleichwohl waren die aufgezeigten Spuren japanischer Künstler in den gezeigten Bildern aber dennoch für die Zuhörer sehr erhellend und selbst höchst bekannte Arbeiten wie z.B. van Goghs „Selbstporträt mit abgeschnittenem Ohr“ (1889) dürfte die Mehrzahl der Zuhörer hinterher wohl mit anderen Augen gesehen haben.

Zunächst gab Frau Dr. Himmelmann einen gelungen gerafften Schnell-Überblick über die historische Entwicklung Japans von seiner selbstgewählten Isolation bis hin zu seiner erzwungenen Öffnung in der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem anschließenden Durchbruch der „Japan-Mode“ im Rahmen der Weltausstellungen in Paris und London.
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Auch wenn sich das Publikum hier vielleicht mehr Bildmaterial gewünscht hätte, wurde - heutigen Moden gar nicht unähnlich - anschaulich, welche Formen die „Japan-Mode“ des 19. Jahrhunderts annahm - von japanischer Kleidung über Keramiken, den unvermeidlichen Wandschirmen und Fächern bis hin zu Holzschnitten (die zuerst als Einwickelpapier den Weg nach Europa fanden) und dem Gartenbau. Dieses „Kitsch-Japan“ fand sehr bald auch Niederschlag in aus heutiger Sicht dennoch sehr interessanten zeitgenössischen Gemälden, die die Japan-Verrücktheit der Zeit häufig auch in einem ironisch-humoristischen Licht wiedergaben.

Obwohl keine Expertin für japanische Kunst, konnte die Kunsthistorikerin dennoch vollkommen richtig anhand sehr anschaulicher Beispiele exemplarisch darlegen, welche ganz anderen Bildauffassungen und Kompositionstechniken in japanischen Holzschnitten zu sehen sind, die der europäischen Tradition bis dato fremd waren, wie etwa gewagte Bild-Anschnitte, das Fehlen einer Fernperspektive, die Silhouettenhaftigkeit der Figuren, das Fehlen von Schatten, das Schichten der einzelnen Bildelemente, das vermehrte Arbeiten mit pars pro toto-Effekten, welche allesamt auf eine Ornamentierung der Bilder hinausliefen.

Doch nicht nur Bildgestaltungsverfahren, auch bestimmte Motive wie Berge oder Brücken wurden von europäischen Künstlern der Zeit exzessiv übernommen. Viele der heute berühmtesten Künstler des 19. Jahrhunderts verfügten über umfangreiche Sammlung japanischer Holzschnitte, die sie für die Entstehung eigener Werke nutzten.

Dr. Himmelmann traf bereits an dieser Stelle die wichtige Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Richtungen der damaligen Japan-Rezeption: Die eine sammelte lediglich japanische Versatzstücke, weil es schick war, ohne sich um ein tieferes Verständnis der japanischen Kultur zu bemühen, weshalb sich der Begriff „anekdotischer Japonismus“ anbietet. Die andere Richtung, und hierauf richtete die Referentin im Folgenden ihr Augenmerk, ging jedoch über das modische Zitat hinaus und versuchte, einen eigenen Stil zu finden unter Einbeziehung der japanischen Einflüsse, sich die fremden Elemente also anzuverwandeln - ein Vorgehen, das seinerseits bis heute als sehr japanisch gelten kann.

Insbesondere anhand ausgewählter Arbeiten von Monet und van Gogh konnte die Kunstgeschichtlerin zeigen, dass - formal betrachtet - hier zwar typisch japanische Bildgestaltungsweisen zur Anwendung kamen (wie z.B. die Schichtung der einzelnen Bildelemente im Raum, die Reduzierung von Raum und Schatten, das Flächigerwerden der Bilder, mitunter drastisch zugespitzte Gebärden und Gesichtsausdrücke, die Silhouettenhaftigkeit oder auch dynamische Bildausschnitte sowie ungewöhnliche Fluchtpunkte), diese Bildgestaltungsweisen aber so eingesetzt wurden, dass ein eigener Stil („ein typischer Monet“, ein „typischer van Gogh“) dabei herauskamen. Dr. Himmelmann machte aber am Beispiel van Goghs auch deutlich, dass dieser eigene Stil, der auf selbständige Weise japanische Einflüsse verarbeitete, Ergebnis eines langen, künstlerisch höchst herausfordernden Arbeitsweges war.

Die Referentin versuchte darüber hinaus auch inhaltliche Parallelen zu finden, etwa in der häufig auch bei den gezeigten europäischen Arbeiten deutlichen Serialität der Bilder oder in der Darstellung der „flüchtigen“, höchst vergänglichen Welt der Vergnügungsviertel, was besonders bei den Arbeiten Toulouse-Lautrecs augenfällig wurde (siehe Bild "La Goulue").
"La Goulue"
Aus japanischer Sicht ist allerdings fraglich, ob es über diese mehr oberflächlichen Entsprechungen hinaus Ähnlichkeiten in der Auffassung der dargestellten Vergänglichkeit gibt, insbesondere hinsichtlich der kulturellen und spirituellen Wurzeln dieser Auffassung.
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"Blick auf Arles"
Auch wenn hier die Analogien manchmal sehr breit ausfielen, lohnte es sich dennoch, sich über diesen Aspekt der Arbeiten einmal nähere Gedanken zu machen, konnte Dr. Himmelmann doch anhand der Deutungen der Gemälde van Goghs am Beispiel des „Blick auf Arles“ überzeugend darlegen, dass manche psychologisierende Interpretation der Arbeiten zu falschen Schlüssen führt, weil der japanische Einfluss auf die Arbeiten van Goghs den Interpreten schlicht und ergreifend nicht bekannt ist. Hier erlebten die Zuhörer einen echten Höhepunkt der Darstellung, denn sie konnten mit eigenen Augen im Sinne eines „vorher-nachher“-Effekts nachvollziehen, dass dieses Wissen zu einer gründlich anderen Sichtweise dieser Bilder führt. Manche Personen des Publikums waren überrascht und konnten jetzt erstmals im Hintergrund des van Gogh-Selbstporträts „Selbstbildnis mit abgeschnittenem Ohr“ deutlich einen japanischen Holzschnitt ausmachen. Eigentlich nicht zu übersehen - wenn man es weiss.
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"Selbstporträt mit abgeschnittenem Ohr
Insgesamt also ein spannender wie erhellender Vortrag vor einem ungewöhnlich kompetenten Publikum, wie die Nachfragen z.B. nach Einflüssen auf bestimmte andere europäische Künstler aus Deutschland und England oder die Rolle der Umrandungen auf den Arbeiten zeigte. Schade lediglich, dass die Mehrzahl der Bildbeispiele allzu bekannt für die offensichtlich mit sehr guten Vorkenntnissen ausgestatte Zuhörerschaft  war und dem Hunger des Publikums nach mehr Bildbeispielen nicht mehr „Futter“ gegeben wurde.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Endlich: Studiengang Lehramt Japanisch in Köln

Trotz Krise gehen die Verantwortlichen der Universität Köln offenbar von einem steigenden Bedarf an Japanisch-Lehrern aus, was uns wiederum sehr freut, denn wenn möglichst viele junge Menschen die japanische Sprache erlernen, würde das der Deutsch-Japanischen Freundschaft einen enormen Schub verleihen!

Obwohl Hamburg den ersten Studiengang Japanologie in Deutschland anbot, ist es die Universität Köln, die nun als erste deutsche Hochschule den Studiengang Lehramt Japanisch als reguläres Lehramtsfach anbietet. Geplant ist für 2012 ebenfalls eine Juniorprofessur für eine bessere Vermittlung der Sprache. Nach Angaben der Universität sind es vor allem Gymnasien und Gesamtschulen, die vermehrt Japanisch anbieten und hierfür Personal suchen. Im Wintersemester soll es losgehen!

Wer sich hierfür interessiert, wende sich bezüglich der Details bitte zunächst an die unten folgende Internet-Adresse. Hier wird im Grunde genommen alles erklärt: http://japanologie.phil-fak.uni-koeln.de/9277.html

Für weiterführende Rückfragen, die dann noch offen sein sollten, steht sonst Frau Prof. Dr. Franziska Ehmcke unter franziska.ehmcke(at)uni-koeln.de zur Verfügung.

Kostenlose Hin- und Rückflüge nach Japan?

Japan hat - vielleicht nicht für alle, aber die meisten - Touristen aufgrund der Atomkatastrophe in Fukushima ein Imageproblem im Ausland. Das Schimpfen der japanischen Presse über die hiesige vermeintlich übertriebene oder panische Berichterstattung ändert daran wenig. Greenpeace äußerte sich dieser Tage kritisch über eine mögliche Strahlenbelastung in Tokio ohne sich zu genau festlegen zu wollen und in der japanischen Presse war in den vergangenen Tagen häufiger von "radiation hotspots" in Tokyo (also vereinzelten Stellen mit deutlich erhöhten Strahlenwerten) die Rede. Einerseits wird glaubhaft gemacht, dies habe nichts mit Fukushima zu tun, wie aber z.B. eine alte, vergammelte, dennoch offenbar hochgradig strahlende Flasche in einen bestimmten Tokyoter Stadtteil kommt, wird auch nicht schlüssig erklärt.

Vor diesem Hintergrund soll wenigstens in der Tourismus-Wirtschaft der Super-Gau vermieden werden - der derzeit aus europäischer Sicht teure Yen macht es dabei nicht einfacher. Als Gegenmaßnahme verkündete am Dienstag dieser Woche die japanische Tourismusbehörde neue Pläne, dass an Ausländer 10.000 (in Worten: zehntausend!) Hin- und Rückflug-Tickets vergeben werden sollen, für die Unterbringung während der Zeit in Japan müssten die Reisenden jedoch selbst aufkommen.

Die Agentur kündigte an, eine web site eröffnen zu wollen, auf der Bewerber einige Fragen beantworten müssen, z.B. was sie über den Tourismus in der Zeit "danach" wissen und welches ihre Reiseziele sind. Während oder nach der Reise sollen die Begünstigten in blogs oder anderen social media web sites über ihre Erfahrungen berichten, in der Hoffnung, so mehr Touristen ins Land locken zu können. Nach Ansicht der Behörde wird es wohl Jahre dauern, bis die Tourismus-Wirtschaft den Umsatz der Vorkatastrophen-Zeit wieder erreicht haben wird, ganz zu schweigen vom einstmals ausgegebenem Ziel, pro Jahr 30 Millionen Besucher anzuziehen. Allerdings soll diese Initiative mit rund 1,1 Milliarden Yen aus Steuergeldern im kommenden Jahr auch deshalb finanziert werden, weil sich staatliche Stellen davon eine Steigerung der Inlands-Nachfrage und eine Wiederbelebung örtlicher Wirtschaftsstrukturen versprechen.

Die Idee hinter dieser Aktion entstammt einer Umfrage, die ergab, dass viele mögliche Besucher dem Urteil ihrer Landsleute vertrauen würden - wenn also meine Bekannten das Reisen in Japan für sicher halten, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich mich dieser Ansicht anschließe, so die Umfrage. 

TATSÄCHLICH sieht es aber so aus, dass über diese Pläne derzeit noch nicht entschieden ist und frühestens ab April 2012 eine Bewerbung um die Gratisflüge möglich wäre. Die in der deutschen Presse (darunter auch dem Hamburger Abendblatt vom 12. Oktober 2011) verbreitete Darstellung, die Gratisflüge stünden ab April 2012 zur Verfügung, ist FALSCH.

Die japanische Tourismus-Behörde warnt in diesem Zusammenhang vor ersten Betrügern!
(Quelle hier: http://www.mlit.go.jp/kankocho/en/page01_000222.html)

EIN Ziel dürfte die Agentur immerhin erreicht haben: VIEL, VIEL Aufmerksamkeit. Und: Wer auf dem Laufenden gehalten werden will, ob und wann die Gratisflüge kommen, soll sich regelmäßig bei der Facebook-site der Agentur umsehen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt - in Zeiten von Internet-Marketing 2.0 werden wir uns an derlei "Gratis-Aktionen" wohl gewöhnen müssen...